Tentakel auf meiner Zunge

Tintenfisch, Reisen, Blog, Vietnam, Texte

Quy Nhon, Vietnam

Luftblasen steigen blubbernd auf. Die kleinen Becken sehen wie Jacuzzi aus, das blaue Licht im Hintergrund suggeriert die Frische des Ozeans. Doch statt gestressten Arbeitnehmer liegen Fische, Muscheln und Schnecken im Wasser. Sie warten darauf, dass ich einen von ihnen auswähle und so zu meinem Abendessen mache. Eine brutale Welt, aber zumindest eine ehrlich. Ich wähle Tintenfisch. Aber die schwimmen nicht mehr, sondern liegen tot übereinander, die Tentakel verschlungen.

Die Kellnerin greift in das eisige Wasser und packt zwei an ihren schleimigen Köpfen. Reis möcht ich dazu – gebraten. Das vietnamesische Wort dafür kenne ich noch immer nicht. Doch die kleine Frau mit den mandelförmigen Augen versteht und nickt so schnell mit dem Kopf, dass ich dunklen Locken mitwippen. Sie lächelt mich an, rennt durch das Restaurant, um mir ein Bier zu bringen. Dann wartet sie neben einer dieser chinesischen Katzen, die unaufhörlich winken. 

Kaum ist der Reis angerichtet, bringt sie ihn rennend zu mir. Ich warte auf den Tintenfisch. Der Reis wird kalt, ich esse ihn mit dem Löffel, den mir die Vietnamesin mit einem wissenden Lächeln hinstellt.

Eine ältere Frau, deren mintfarbener Zweiteiler an einen Seide-Pyjama erinnert, schaut mich streng an und deutet auf die Saucen. Vorsichtig tropfe ich die hellgelbe Flüssigkeit, in der eine rote Chili schwimmt, über den Reis. Da rennt auch schon die Kellnerin wieder zu meinem Tisch. Die Tentakel des Tintenfischs glänzen. Ich beisse in das Fleisch. Weich. Glitschig. Nur bei den Saugnäpfen stösst meine Zunge gegen einen Widerstand. Ich tunke den gekringelten Tentakel mit den Holzstäbchen in die orange Sauce. Süss und scharf, Gewürze, die meine Geschmacksknospen nicht kennen. 

Währenddessen schwimmt der Fisch im Becken weiter seine Runden. Er wurde heute noch nicht ausgewählt und muss bis morgen warten. Ich habe den leisen Verdacht, dass gegessen zu werden, das kleinere Übel gewesen wäre. 

Veröffentlicht von salome-kern

Storytellerin mit Fernweh

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