Eine einzige Zigarette

Rauchen, Rauchstopp, Kurzgeschichte, Fiktion

Diese Kurzgeschichte ist als Experiment entstanden. Das Ziel: In 10’000 Zeichen soll ein Mann, der anfangs in einem Kaffee sitzt, einen Mord begehen – ohne dass ich die Geschichte vorplane.

Das Surren nervte, da war sie schon wieder direkt neben seinem Ohr. Er wedelte mit der Hand durch die Luft, der Fingernagel kratzte über die zarte Haut der Ohrmuschel. 

„Scheiss Fliege!“ Arthur klatschte mit der weitgespreizten Hand auf die Tischplatte und trommelte in einem unregelmässigen Takt auf dem Holz. Vor fünf Tagen hatte er aufgehört zu rauchen, von täglich 26 Zigaretten auf null.

Natürlich hatte er gewusst, dass es mühsam wird, aber das war unmenschlich. In seiner Hemdtasche steckten die Nikotinkaugummis. Er grübelte nach der Packung, die schweissigen Finger rutschten ab. Er fluchte mit einer Fantasie, die jeden Bauarbeiter eifersüchtig erbleichen liesse. Erst als sich der pfeffrige Geschmack über seiner Zunge ausbreitete, von der Schleimhaut direkt ins Belohnungszentrum im Hirn raste, atmete Arthur aus. Wie konnte etwas so grauenhaft schmecken und sich gleichzeitig so gut anfühlen?

Er hatte es Marie versprochen, daran gab es nichts zu rütteln. Sie und die rötlichen Locken, wie sie ihn mit ihren grünen Augen angebettelt hatte. Dabei gehörte das Rauchen bedeutend länger zu ihm, schoss ihm durch den Kopf: 30 Jahre stehen gegen zwei Monate. Aber das waren zwei Monate gewesen, so aussergewöhnlich und intensiv. Es hatte keine zuvor gegeben, die ihn ihm ein warmer Schauer auslöste, nur wenn sie ihn anschaute. Ehrlich gesagt hatte es auch keine zuvor gegeben, die ihn überhaupt beachtet hatte. Er rieb sich die Augen, bis sich rote Linien durch das Weisse zur Pupille schlängelten. Arthur stand auf und schüttelte seine Beine aus.

Der Kellner stürmte heran, als glaubte er, Arthur wolle ihn um die Zeche prellen. 

„Kann ich bitte einkassieren?“

„Ich wollte an der Theke bezahlen.“ Wieso erklärte er sich diesem Lackaffen? Arthur zog einen zerknüllten Schein aus dem abgegriffenen Lederportemonnaie und streckte ihn dem Kellner entgegen, der die Note glättete, ohne ihn aus dem Blick zu lassen. 

„Ist was?“, fragte Arthur und biss auf die Backenzähne. Da schüttelte der Kellner den Kopf und reichte ihm die Münzen. 

Die Gäste drehten sich um, als Arthur die Hände gegen die Glastür des Cafés krachte. Doch der stapfte, ohne einen Blick zurückzuwerfen auf die Strasse, stand dabei einem Hund auf den Schwanz, der mit seinen dunkelbraunen Augen um eine Entschuldigung bat. Das Winseln tat Arthur in den Ohren weh.

Zigarette, er wollte eine Zigarette. Wie konnte er nur so dumm sein und einer Frau versprechen, er würde nicht mehr rauchen? Ihre zarte Haut und der liebliche Geruch hatten ihm die Sinne geraubt. Miststück! Seine langen Finger spielten ein Trommelkonzert in der Luft, als Arthur mit gesenktem Kopf über den Fussgängerstreifen schritt. Ein Auto hupte, sofort reagierte er mit dem Mittelfinger, leicht zitternd, hoch erhoben. 

„Lasst mich in Ruhe.“ 

Er musste mit Marie reden, bei aller Liebe: Das war kein Zustand. 

Sie erschien vor seinem inneren Auge, wie sie in ihrem hellgelben Kleid durch die Küche tanzte, lachte und dabei ihren Kopf in den Nacken warf. Mit beiden Händen hatte sie nach dem Hemd gegriffen, um ihn nahe heranzuziehen. 

„Was ist dir wichtiger, ich oder die Kippen?“ 

Arthur grinste und drückte ihr einen Kuss auf die Nase. Eine typische, rein theoretische Frauenfrage. Ein Witz. Doch er erkannte keinen Schalk in ihrem Blick. 

„Was ist dir wichtiger, ich oder die Kippen?“

„Du natürlich“, flüsterte er.

„Dann lässt du das Rauchen für mich?“

Er hatte genickt. Er hatte tatsächlich genickt. 

Im zarten Alter von fünfzehn Jahren hatte er seine erste Zigarette in der Hand gehalten, sie vorsichtig zum Mund geführt und daran gezogen. Husten. Zweiter Zug. Wieder husten. Über die Zeit wurde der Husten weniger und der Spass nahm zu. Oder die Sucht, das wusste er heute nicht mehr so genau. Aber von einer Frau liess er sich nichts verbieten. Nie wollte er wie sein Vater werden, der sich vor seiner Mutter geduckt hatte. Egal, was sie sagte, er nickte. Und wenn nicht, dann griff sie zum Nudelholz. Vater sagte nie etwas. Es war peinlich, von der eigenen Frau geschlagen zu werden. „Steh deinen Mann, Arthur“, hatte Vater immer gesagt. Bis heute wusste er nicht, was dieser Ratschlag heissen sollte, wenn er von jemandem wie seinem Vater kam.

Aber würde er diesen Mann stehen und der Marie sagen, dass er nicht wegen ihr das Rauchen sein aufgeben würde. Nicht die zarteste Pfirsichhaut konnte ihn umstimmen.

Vor der Tür mit dem altmodischen Milchglas erwachte Arthur aus dem Tagtraum, in dem er sich Mut zuredete. Das was vor ihm lag, beschäftigte ihn zu sehr, als dass er die Umgebung wahrnehmen konnte. Und jetzt – da war die Wohnung, hier im ersten Stock war Marie. Arthur streckte seinen Finger und berührte die Klingel, so wie es Gott und sonst irgendein religiöser Spinner im Gemälde an der Decke der Sixtinischen Kapelle taten. Dumpf klang die Glocke durch das gekippte Fenster, dann ertönte der Summer.

Das Treppenhaus war grau. Arthur schleppte sich über die Steinstufen, als wünschte er sich, der Aufstieg würde nie enden, und schaute durch den Briefkastenschlitz ins Innere. Keine Post. Schade. Schon hielt Marie ihren gelockten Kopf durch den Spalt in der Tür, ihre Augen sprühten.

„Hallo, du Süsser.“

„Hallo Marie.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Backe, sie schlang die Arme um ihn und drückte ihn. Ihr Busen war weich. Er durfte jetzt nicht schwach werden. 

„Komm rein. Magst du was trinken? Wie geht es dir?“

Arthur murmelte vor sich hin, während er seine Schuhe von den Füssen streifte. Noch so eine dumme Regel. Schuhe ausziehen.

„Wir müssen reden.“

Marie streichelte über seine Schulter. Die grünen Augen fragten, Arthur meinte gar, Angst darin zu sehen. Er hätte sich besser im Vorhinein seine Argumente überlegt, so wie es die Frauen es taten, damit sie in einem Streit überlegen waren und der Mann sich entschuldigte, obwohl sie den Müll im Treppenhaus vergessen hatte. 

„Gut, also. Ich wollte dir sagen …“

„Setzen wir uns, nicht? Darf ich dir wirklich nichts anbieten?“, unterbrach sie sein Gestammel.

Einen Moment wankt Arthurs Entschlossenheit, er wischte durch die Luft, um sie zur Ruhe zu bringen. 

„Ich will rauchen.“ Der Satz sprudelte aus seinem Mund, als hätte er Arthur zerrissen, wenn er ihn nicht sofort hätte loswerden können. Totenstille. Draussen drehte ein Nachbar den Schlüssel in der Haustür. 

Maries Unterlippe zitterte. Langsam stieg ein salziger See in ihren Augen an, bis er das Fass zum Überlaufen brachte. „Du hast es mir doch versprochen!“ Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, die Schultern zuckten. 

„Jetzt benimm dich nicht wie ein Kind, Marie.“

„Du brichst unser Versprechen und dann machst du dich noch über mich lustig?“ Sie drückte die Fäuste in ihr Augenhöhlen, so konnte er nicht erkennen, ob sie weinte oder nur so tat.

Hätte er sich nur besser vorbereitet, sie drehte ihm die Worte im Mund um. Arthur knetete seine Hände. „Wir können doch reden, es gibt keinen Grund gleich dramatisch zu werden.“ 

Erst als Marie aufsprang und einen Hausschuh nach ihm warf, realisierte Arthur, dass Frauen diese Art von Sätzen selten schätzten. Ihre Stimme überschlug sich, sodass er keinen der Vorwürfe verstehen konnte. Einzig „Arschloch“ war überdeutlich. 

Sie hatte schon ihre Stöckelschuhe als Wurfgeschoss in der Hand, da erkannte er den Ernst der Lage und rannte aus der Wohnung. Auf der sicheren Strasse angekommen, glich sein Atem dem Kreischen einer Dampflokomotive. Arthur schaute auf seine Füsse, der grosse Zeh bohrte sich einen Weg durch die grauen Socken. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er sie damals in Weiss gekauft. Dass die Lederschuhe noch drinnen standen, spielte jetzt keine Rolle, nie wieder würde er diese Wohnung betreten. Ohne Ziel schritt Arthur los und biss seine Backenzähne zusammen, sodass sie fast zerbröselten. Weiber! 

War er wütend auf sie oder auf sich selbst? 

Einerseits hatte sie übertrieben, aber andererseits hatte er alles andere als seinen Mann gestanden, wie sogar der Sohn eines Weicheis erkannte.

Jetzt schossen ihm so viele schlagfertige Konter durch den Kopf, dass er ein Selbsthilfebuch für unterwürfige Männer hätte schreiben können. Die Schamesröte überzog sein Gesicht, wenn er sich an sein unnützes Gerede von vorhin erinnerte. Natürlich benahm sich Marie wie ein kleines Kind, solange er sich wie ein Versager verhielt. Schon fast war er umgedreht, um sich bei ihr zu entschuldigen, da besann er sich zurück auf seinen Vater, der nach jedem Streit mit Mutter angekrochen kam. Nein, so war er nicht, so wollte er nicht sein. 

Eine Frau hetzte an ihm vorbei, die blonden Haare flatterten hinter ihr her. Zuerst fiel Arthurs Blick auf die runde vom schwarzen Etuikleid betonten Hüfte, die mit jedem Schritt mitschwang. Dann stieg ihm Rauch in die Nase, sein Körper antwortete sofort mit höchster Glückseligkeit und er sah die Zigarette in ihrer Hand.

„Entschuldigen Sie, einen Moment!“

Die Frau reagierte nicht.

Arthur beschleunigte seinen Schritt, rannte ihr hinterher und winkte, als hätte sie Augen im Hinterkopf. „Hallo, nur einen Moment.“

Sie spähte über ihre Schulter, unsicher, ob man ihr rief. Als sie Arthurs hektische Geste sah, blieb sie stehen, nicht ohne vorher kurz auf ihre Uhr zu schauen. 

„Ja, was?“ 

„Darf ich Sie um eine Zigarette bitten?“

Ihr Blick wanderte von seinen strähnigen Haaren über die fleckige Hose bis zu den Socken. 

Die Gummisohle ihrer Schuhe schmolz fast, so schnell drehte sie sich auf der Ferse. „Nein, tut mir leid. Ich muss los.“

Arthur starrte ihr mit aufgerissenen Augen nach. Zum ersten Mal wusste er, wie unwürdig sich ein Bettler auf der Strasse fühlen musste. Er verschränkte die Finger am Hinterkopf und verharrte bis die Frau aus seinem Blickfeld verschwand. 

Das Verlangen nach einer Zigarette wuchs. Lange war es nur als harmloser Schneeball den Hang abwärts gerollt, und wurde mit Nikotinkaugummis und dem Gedanken an Maries Zärtlichkeiten im Schach gehalten. Doch ihre Ablehnung und die Reaktion der Blondine hatten die Kugel unbemerkt zu einer gefährlichen Lawine vergrössert. Mehr und mehr Schnee riss sie mit sich und donnerte ins Tal. Arthurs Faust zuckte, als wäre sie bereit für den Boxkampf ihres Lebens. 

Er wollte augenblicklich eine Zigarette. Er kannte diesen Teil der Stadt nicht, sonst hätte er genau gewusst, wo sich der nächste Kiosk befand. Seine Füsse gehorchten ihm kaum, als er über den Gehweg taumelte. Die Augen irrten umher, in der Hoffnung irgendwo das blaue K zu entdecken, dass die Erlösung bedeutete. 

„Ich bin wie ein Junkie auf der Suche“, dachte sich Arthur. Marie interessierte ihn nicht, Marlboro dagegen sehr.

Das trockene Papier an der leicht geöffneten Lippe, das Klicken des Feuerzeuges, der Tabak knisterte. Ein Lungenzug.

Arthur steckte inmitten der detaillierten Vorstellung, wie sich die Zigarette anfühlen würde, sodass er fast der Kiosk an der Ecke übersehen hätte. Ein beseeltes Lächeln lag auf seinen Lippen, als er auf den Randstein hüpfte. Endlich.

„Grüezi, einmal Marlboro rot bitte.“

Die Verkäuferin fixierte ihn durch die randlose Brille und nickte. Dann drehte sie sich um, liess ihren Blick über das Regal wandern. Arthur tippte mit dem Nagel des Zeigefingers auf die Glasablage. Ohne zur roten Schachtel zu greifen – die übrigens rechts oben stand, wie er schon lange erkannt hatte – drehte sie sich um. 

„Haben Sie Stress?“

„Geben Sie mir einfach die Marlboro. Oben rechts.“

„Erklären Sie mir gerade meinen Job?“

Er atmete geräuschvoll durch die Nase aus, verkniff sich die Antwort.

„Das macht dann acht Franken und vierzig Rappen.“

Der gewohnte Griff zur rechten Gesässtasche. Arthur stockte. Wo war sein Portemonnaie? 

Linke Gesässtasche. Auch leer. Vordere Taschen. Auch leer. „Das darf doch nicht wahr sein“, murmelte er. Im Café hatte er es zum letzten Mal benutzt. Angestrengt versuchte er, sich zu erinnern. Der Kellner hatte ihn wütend gemacht, das wusste er noch. Und dann? 

„Es tut mir leid, ich habe mein Geld verloren.“

Die Verkäuferin nahm die Schachtel zurück und stellte sie wieder oben rechts ins Regal. Mit verschränkten Armen blieb sie stehen, als wartete sie auf seine Reaktion. Ein winziges Grinsen umspielte die Mundwinkel.

Arthur sank in sich zusammen. Widerstand war zwecklos, das war ihm bewusst. Er machte kehrt, beim Weggehen schlug er mit aller Kraft gegen ein kleines Gestell, an dem Lottoscheine hingen. Es kippte um, das Metall schepperte und die Blätter verteilten sich über den Boden. Arthur drehte sich nicht um, so wie die Helden in Filmen, hinter deren Rücken die halbe Welt explodierte. 

„Entschuldigung, was soll das?“, schrie die Verkäuferin. Sie schob ihre Brille zurück auf den Kopf und rannte ihm nach, mit dem dicken Bauch auf den dünnen Beinen sah sie aus wie eine flugunfähige Hummel. 

Arthur stapfte in den Asphalt, heute war der verschissenste Tag seines Lebens. Normalerweise war er ein höflicher Mensch, aber auch er durfte sich einmal daneben benehmen. Seine Meinung. 

Die Verkäuferin schien das ganz anders zu sehen. Kaum hatte sie ihn erreicht, pikste sie mit ihren künstlichen Nägeln in seinen Rücken. 

„Wollen Sie das vielleicht wieder aufräumen?“

Arthur schoss herum. „Nein.“

Hasserfüllte Blicke. „Sie sind ja wohl aus der Psychiatrie entflohen.“

„Ficken Sie sich.“

„Ich rufe die Polizei!“

Arthur blickte gegen den Himmel, als könnte er von da oben Hilfe erwarten. Doch bevor Gott eingriff, hatte die Verkäuferin den Zipfel seines Hemdes gepackt. Die Lawine hatte das Tal erreicht und alles, was sie mitbrachte, war Zerstörung. Dass diese Emanze ihn anfasste, war die Spitze des Eisberges. 

„Lassen Sie mich sofort los!“ Eiskalt war seine Stimme. 

„Sie Schwächling räumen diesen Stand auf!“

In seinem Kopf hallte ein Kreischen, Arthur wusste nicht, ob es tatsächlich da war oder der Fantasie entsprang. 

Er war kein Schwächling! Er war ein Mann!

Mit der rechten Hand holt er aus und donnerte die Knöchel direkt ins Gesicht der Verkäuferin. Starrer Blick, als wüsste sie, wie es nun weiterging. 

Zeitlupe. 

Sie krachte zu Boden, es knackte. Das dünne Rinnsal bahnte sich seinen Weg über den Asphalt und sammelte sich bei Arthurs Zehen. Der rote Fleck passte zum schmutzigen Grau, dachte er. Dann ging er hinter die Kiosktheke und holte die Schachtel von oben rechts.

Das Feuerzeug klickte, er inhalierte. Die Augen der Verkäuferin starrten ins Leere.

Veröffentlicht von salome-kern

Storytellerin mit Fernweh

Ein Kommentar zu “Eine einzige Zigarette

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